Der erste Tag in der Kindertagesbetreuung ist kein gewöhnlicher Tag. Für Ihr Kind bedeutet er einen tiefgreifenden Übergang: eine neue Umgebung, neue Erwachsene, neue Kinder – und zunächst die Trennung von der vertrautesten Bezugsperson.
Wie dieser Übergang gestaltet wird, hat großen Einfluss auf das Sicherheitsgefühl, das Vertrauen und die weitere Entwicklung Ihres Kindes.
Eingewöhnung ist Beziehungsarbeit:
Das sogenannte Münchner Eingewöhnungsmodell
(entwickelt u. a. von Anna Winner) versteht Eingewöhnung nicht als organisatorische Phase, die „nach zwei Wochen abgeschlossen“ ist. Es ist ein bindungsorientierter Prozess, der sich am Tempo und an den Signalen des Kindes orientiert.
Im Mittelpunkt stehen drei Beteiligte:
Ihr Kind - Sie als Eltern - die pädagogische Fachkraft
Diese Dreiecksbeziehung ist entscheidend. Ihr Kind braucht zunächst Sie als sichere Basis. Von dort aus kann es vorsichtig beginnen, eine neue Bindung zur Fachkraft aufzubauen. Erst wenn diese Beziehung tragfähig wird, entsteht echte Sicherheit.
Das Modell verzichtet bewusst auf starre Zeitpläne. Trennungsphasen beginnen nicht nach Kalender, sondern dann, wenn Ihr Kind erste Anzeichen von Vertrauen und Exploration zeigt.
Warum das so wichtig ist
Entwicklungspsychologisch ist diese Phase hochsensibel.
Nach der Bindungstheorie (Bowlby, Ainsworth) aktiviert eine Trennung von der primären Bezugsperson das Bindungssystem. Das bedeutet: Stress. Wird dieser Stress nicht feinfühlig begleitet, kann das zu Überforderung führen. Eine gut gestaltete Eingewöhnung bewirkt dagegen:
- Stressreduktion: Das Kind erlebt Trost und Verlässlichkeit.
- Emotionale Sicherheit: Gefühle dürfen gezeigt werden.
- Selbstwirksamkeit: „Ich schaffe das – und ich bin nicht allein.“
- Explorationsfreude: Sicherheit ist die Grundlage für Neugier.
Neurobiologisch betrachtet hilft eine sichere Begleitung, Stressreaktionen zu regulieren. Das wirkt sich positiv auf Emotionsverarbeitung und soziale Entwicklung aus.
Kurz gesagt: Nur wer sich sicher fühlt, kann lernen.
Bedürfnisorientierung konkret
Das Münchner Modell ist klar bedürfnisorientiert:
- Abschiede werden nicht „durchgezogen“, sondern vorbereitet.
- Tränen sind kein Scheitern, sondern Ausdruck von Bindung.
- Rückschritte sind normal.
- Eltern bleiben wichtige Bezugspersonen und Partner.
- Die Eingewöhnung endet nicht mit dem ersten problemlosen Abschied. Sie setzt sich fort, während Ihr Kind zunehmend Vertrauen fasst, Routinen verinnerlicht und neue Beziehungen aufbaut.
Ein Fundament für später
Eine gelungene Eingewöhnung ist mehr als ein guter Start. Sie legt ein Fundament.
Kinder, die erfahren:
- Meine Gefühle werden ernst genommen.
- Ich werde getröstet.
- Neue Beziehungen können sicher sein.
entwickeln häufig mehr Resilienz, soziale Kompetenz und Vertrauen in neue Situationen.
Die Erfahrung „Ich kann Übergänge bewältigen“ trägt weit über die Kindergartenzeit hinaus.
Zeit ist kein Luxus, sondern Voraussetzung
Manchmal entsteht Druck: berufliche Verpflichtungen, organisatorische Zwänge, Erwartungen. Doch Beziehung lässt sich nicht beschleunigen. Vertrauen wächst durch Wiederholung, Verlässlichkeit und Feinfühligkeit.
Eine gute Eingewöhnung ist kein Bonus – sie ist entwicklungspsychologisch notwendig.
Und wenn Ihr Kind schließlich neugierig loszieht, sich trösten lässt, spielt, lacht und die neue Umgebung als sicheren Ort erlebt, dann wissen wir: Dieser Weg hat sich gelohnt.
Quellen:
Winner, Anna; Erndt-Doll, Elisabeth (2013).
Das Münchner Eingewöhnungsmodell. Theorie und Praxis der Gestaltung von Übergängen in Krippe und Kindergarten.
Freiburg im Breisgau: Herder.
Landeshauptstadt München – Referat für Bildung und Sport (Hrsg.).
Das Münchner Eingewöhnungsmodell – Pädagogische Grundlagen für städtische Kindertageseinrichtungen.
München: LH München.
Winner, Anna (versch. Auflagen).
Fachartikel in: TPS – Theorie und Praxis der Sozialpädagogik oder Publikationen im Kontext der Münchner Kitapädagogik.
Über die Autor*in
Christine Trompka hat über 15 Jahre Erfahrung als Pädagogin mit Kindern und Erwachsenen. Ihr Schwerpunkt war dabei immer das Draußensein, Abenteuer- und Waldpädagogik, tiergestützte Pädagogik sowie traumasensibles Arbeiten.
Christine ist Traumazentrierte Fachberatung DeGPT, Traumapädagogin DeGPT, Heilpraktikerin Psychotherapie und dialogisch-humanistische Traumatherapeutin sowie pädagogische Fachkraft. Sie arbeitet gerne eng und interdisziplinär mit anderen Fachbereichen, Psychiater*innen, Kinderärzt*innen, Psycholog*innen und Pädagog*innen zusammen. Sie bietet verschiedene Gruppen und Einzelangebote für Kinder und Erwachsene an. Sie ist per Email und mobil erreichbar und freut sich über Ihre Anregungen, konstruktive Kritik und Fragen.

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