„Du machst das so toll.“
„Ich weiß nicht, wie du das alles schaffst.“
„Mütter sind einfach Superheldinnen.“
Es klingt nach Anerkennung. Und doch steckt darin eine gefährliche Erzählung.
Denn die gesellschaftliche Glorifizierung der überlasteten Mutter ist oft nichts anderes als eine bequeme Strategie, um strukturelle Ungleichheit nicht verändern zu müssen.
Mental Load – die unsichtbare Dauerverantwortung
Mit Mental Load ist die permanente kognitive Organisationsarbeit gemeint: Termine koordinieren, Wechselkleidung einpacken, an Geburtstage denken, Arztbesuche planen, Kita-Schließzeiten überblicken, emotionale Spannungen wahrnehmen, koregulieren und das eigene Nervensystem ausleihen, Bedürfnisse antizipieren. Es ist nicht nur das Tun – es ist das ständige Denken.
In heterosexuellen Familien trägt nach wie vor überwiegend die Mutter diesen mentalen Organisationsaufwand. Studien zur unbezahlten Sorgearbeit zeigen seit Jahren ein klares Bild: Frauen übernehmen den Großteil der Care-Arbeit – selbst dann, wenn beide Elternteile erwerbstätig sind.
Und anstatt diese Ungleichverteilung als gesellschaftliches und politisches Problem zu benennen, wird sie weiterhin romantisiert.
Die „starke Mutter“ als kulturelles Ideal
Die erschöpfte Mutter wird zur Heldin erklärt.
Die Frau, die alles unter einen Hut bringt, gilt als bewundernswert.
Diejenige, die nachts Listen schreibt und morgens lächelnd Brotdosen packt, wird gefeiert.
Doch was passiert dadurch?
Die strukturelle Frage verschwindet.
Nicht mehr das System ist problematisch, sondern die individuelle Belastbarkeit wird zur moralischen Messlatte. Wer erschöpft ist, muss „besser organisieren“. Wer ausbrennt, hat „zu hohe Ansprüche“. Wer nicht alles schafft, fühlt sich schuldig.
Das ist kein Zufall. Es ist kulturell eingeübt.
Patriarchale Verhältnisse sind anstrengend zu verändern
Es wäre unbequem, ehrlich hinzusehen:
Warum sind Führungspositionen zeitlich nicht familienkompatibel gestaltet?
Warum gilt Vollzeit-Erwerbsarbeit als Norm, Care-Arbeit aber als „Privatsache“?
Warum werden Väter gesellschaftlich für Minimalbeiträge gefeiert, während Mütter für Selbstverständliches kritisiert werden?
Wie kann es sein, dass 50% aller Väter, deren Kinder nicht primär bei ihnen aufwachsen gar keinen Unterhalt bezahlen?
Patriarchale Strukturen zu verändern bedeutet:
- Macht neu zu verteilen
- Privilegien zu hinterfragen
- Rollenbilder aufzugeben
- ökonomische Systeme umzudenken
Das ist mühsam und bedeutet Umverteilung. Eine überlastete Mutter zu beklatschen ist einfacher und Männer verlieren keine Privilegien.
Die emotionale Dimension: Schuld und Selbstabwertung
Viele Mütter internalisieren die Überforderung. Sie erleben Scham, wenn sie an Grenzen kommen. Schuld, wenn sie gereizt reagieren. Sie glauben, nicht genug zu sein.
Dabei ist Überlastung kein individuelles Versagen, sondern oft das Ergebnis einer strukturellen Schieflage.
Wenn wir als Gesellschaft weiter das Ideal der „alles schaffenden Mutter“ hochhalten, verhindern wir echte Entlastung.
Eine andere Erzählung ist möglich
Was wäre, wenn wir stattdessen sagen würden:
- Care-Arbeit ist Arbeit.
- Mentale Organisation ist Leistung.
- Gleichverteilung ist kein „Nice-to-have“, sondern Gerechtigkeit.
- Mütter sind keine Superheldinnen – sie sind Menschen.
Eine feministische Perspektive bedeutet nicht, Väter anzugreifen. Sie bedeutet, Verantwortung gerechter zu verteilen. Sie bedeutet, Sorgearbeit sichtbar zu machen. Sie bedeutet, Strukturen so zu gestalten, dass Kinder, Eltern und Beziehungen nicht auf Kosten einzelner funktionieren.
Für unsere Kinder
Kinder wachsen in diesen Dynamiken auf. Sie beobachten, wer organisiert. Wer verzichtet. Wer erschöpft ist. Wer selbstverständlich zuständig ist.
Wenn wir Gleichberechtigung ernst nehmen, beginnt sie nicht in großen politischen Reden, sondern im Alltag:
- Wer denkt mit?
- Wer plant?
- Wer trägt Verantwortung?
- Wer darf müde sein?
Die Glorifizierung der überlasteten Mutter hält alte Muster stabil.
Eine gerechte Verteilung von Sorgearbeit verändert sie.
Und vielleicht ist genau das der unbequemere – aber heilsamere – Weg für uns alle.
Tipp: Zum feministischen Kampftag heute einfach mal nicht weiter alles im Griff haben, sondern auf die Straße gehen und danach gemütlich bei einem Tee in guten Büchern schmökern. Zum Beispiel im tollen queerfeministischen Buchladen in München https://glitchbookstore.de/ in der Maxvorstadt. Oder in deren Online Katalog was Schönes finden.. habt es warm
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Über die Autor*in
Christine Trompka hat über 15 Jahre Erfahrung als Pädagogin mit Kindern und Erwachsenen. Ihr Schwerpunkt war dabei immer das Draußensein, Abenteuer- und Waldpädagogik, tiergestützte Pädagogik sowie traumasensibles Arbeiten.
Christine ist Traumazentrierte Fachberatung DeGPT, Traumapädagogin DeGPT, Heilpraktikerin Psychotherapie und dialogisch-humanistische Traumatherapeutin sowie pädagogische Fachkraft. Sie arbeitet gerne eng und interdisziplinär mit anderen Fachbereichen, Psychiater*innen, Kinderärzt*innen, Psycholog*innen und Pädagog*innen zusammen. Sie bietet verschiedene Gruppen und Einzelangebote für Kinder und Erwachsene an. Sie ist per Email und mobil erreichbar und freut sich über Ihre Anregungen, konstruktive Kritik und Fragen.
Weiterführende Infos über die Igelkinder
Informieren Sie Sich über das pädagogische Konzept der Igelkinder, den Jahresplan 2023/ 24 als Beispiel, um zu sehen, was bei den Igelkindern im Jahreslauf passiert. Vielleicht ist auch unser Vorschulkonzept für Sie interessant und natürlich unser Kinderschutzkonzept. Für eine Platzanfrage senden Sie uns bitte einfach eine Email. Ihr Kind darf vorab mehrmals bei uns schnuppern und wir nehmen uns ausreichend Zeit für alle Ihre Fragen.

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