Manche Menschen wissen schon als Kinder, wer sie sind. Andere brauchen viele Jahre, um die richtigen Worte für ihr Gefühl zu finden. Carolyn ist 39 Jahre alt, arbeitet in der IT, engagiert sich bei der Münchner Selbsthilfeorganisation VIVA und setzt sich für Frauen in technischen Berufen ein.
Wir haben miteinander gesprochen.
Im Gespräch erzählt sie von ihrem Weg der Transition, von Ängsten, Mut und der Hoffnung auf eine offenere Gesellschaft.
Magst du dich vorstellen?
Ich heiße Carolyn, bin 39 Jahre alt und arbeite in der IT. Neben meinem Beruf engagiere ich mich im Vorstand von VIVA und bin auch etwas aktivistisch unterwegs. Besonders wichtig ist mir das Thema „Women in Tech“, also Frauen in männerdominierten Berufen.
Lange Zeit habe ich sehr viel gearbeitet, oft 60 Stunden pro Woche. Rückblickend glaube ich, dass ich dadurch vieles verdrängen konnte. Erst als ich auf einen Burnout zusteuerte und die Kraft zum Verdrängen verloren habe, konnte ich erkennen, was eigentlich schon lange in mir war: Ich bin Trans.
Gab es Gründe, warum du das nicht früher wissen wolltest?
Die Kraft von Verdrängung kann unglaublich stark sein.
Ich habe mich viele Jahre als Crossdresser bezeichnet. Das konnte ich akzeptieren. Aber Trans? Nein, das wollte ich nicht sein.
Heute weiß ich, dass es nicht die Angst vor der Veränderung war. Es war vielmehr die Angst davor, wie Trans Personen gesellschaftlich gesehen werden. Das Bild von Trans Menschen ist oft negativ geprägt. Niemand möchte zu einer Gruppe gehören, über die so viele Vorurteile existieren.
Ich hatte große Angst, nicht mehr akzeptiert zu werden. Angst davor, Beziehungen zu verlieren oder Menschen zu enttäuschen. Die Sorge, plötzlich anders behandelt zu werden, war sehr groß.
Wann und wie hast du dich als Trans Frau geoutet?
Mein erstes Coming-out hatte ich vor etwa dreieinhalb Jahren gegenüber meiner damaligen Partnerin. Zunächst habe ich mich ungefähr ein Jahr lang als nichtbinär identifiziert. Rückblickend war das für mich ein wichtiger Zwischenschritt. Heute weiß ich, dass ich immer Trans war. Aber die Vorstellung, nichtbinär zu sein, hat mir damals weniger Angst gemacht.
Inzwischen habe ich verstanden, dass sowohl eine nichtbinäre Identität als auch eine Trans Identität vollkommen real sind. Für mich persönlich ist heute klar: Ich bin eine Frau.
Relativ früh habe ich mir therapeutische Unterstützung gesucht. Mir war wichtig, mit jemandem zu sprechen, der Erfahrung mit solchen Prozessen hat und wissenschaftlich arbeitet. Ich war selbst überrascht, wie tief meine Verdrängung ging. Gemeinsam wollte ich verstehen, wie es dazu kommen konnte und was ich vielleicht noch nicht sehen konnte.
Was würdest du beim Outing rückblickend anders machen?
Ich würde von Anfang an klarer für meine Pronomen einstehen.
Damals habe ich oft gesagt, dass ich mir „sie/ihr“ wünsche. Manche Menschen haben das als Vorschlag oder Option verstanden. Heute würde ich deutlicher sagen: Das sind meine Pronomen. Ich möchte, dass sie verwendet werden – genauso selbstverständlich wie bei jeder anderen Frau.
Außerdem würde ich meinen Leidensdruck klarer erklären.
Trans-Sein ist keine Entscheidung. Niemand entscheidet sich freiwillig für die Herausforderungen, die damit verbunden sind. Ich wünsche mir, dass Menschen verstehen, dass dies kein Hobby, keine Phase und kein Spaß ist, sondern mich als Individuum und Person ausmacht und nicht nur ein Teil meiner Identität ist.
Wie war das rückblickend für dich als Kind?
Als Kind konnte ich meine Gefühle noch nicht klar benennen. Aber ich habe gespürt, dass etwas anders ist. In meiner Generation gab es kaum Aufklärung über Trans-Sein. Rückblickend hat mich das sehr verwirrt und mir geschadet. Ich glaube, es hilft Kindern sehr, wenn sie früh erfahren, dass es unterschiedliche Geschlechtsidentitäten gibt. Dann können sie sich selbst besser verstehen und herausfinden, wer sie sind – ohne Angst und ohne Druck.
Viele Menschen können sich schwer vorstellen, dass das eigene Geschlecht nicht immer mit dem Körper übereinstimmt. Für mich ist dieses innere Wissen aber sehr real. Menschen kennen ihr Geschlecht oft tief in ihrem Inneren. Bei manchen passt dieses Gefühl zum Körper, bei anderen nicht.
Erfreulich ist, dass Trans-Sein heute nicht mehr als Krankheit oder Störung gilt. Was behandelt werden kann, ist die Geschlechtsdysphorie – also das Leid, das entsteht, wenn Körper, Identität oder gesellschaftliche Erwartungen nicht zusammenpassen. Therapie kann helfen, diesen Weg zu begleiten und das eigene Leben stimmiger werden zu lassen.
Was möchtest du Familien mitgeben?
Habt keine Angst davor, dass euer Kind Trans sein könnte.
Trans-Sein ist keine Entscheidung. Es ist nicht etwas, das Eltern verursachen oder verhindern können.
Viele Trans Jugendliche leiden unter Ängsten, Depressionen oder Einsamkeit – oft nicht wegen ihres Trans-Seins, sondern weil sie sich verstecken müssen oder nicht akzeptiert werden.
Ein frühes und unterstützendes Umfeld kann für Kinder und Jugendliche ein enormer Schutzfaktor sein. Wer sich nicht ständig verstellen muss, hat bessere Chancen, gesunde Beziehungen aufzubauen und ein erfülltes Leben zu führen.
Liebende Eltern wünschen sich vor allem, dass ihre Kinder sicher und glücklich sind. Genau darum geht es: Kindern die Freiheit zu geben, ihren eigenen Weg zu finden – auch wenn dieser Weg vielleicht anders aussieht als erwartet.
Ich habe selbst keine Kinder. Aber wenn ich welche hätte, würde ich mir wünschen, dass sie sicher, geborgen und geliebt aufwachsen können.
Wie gehst du mit Ängsten und den aktuellen politischen Entwicklungen um?
Das beschäftigt mich sehr. Mir hilft vor allem das Gefühl von Selbstwirksamkeit. Ich sehe die politischen Entwicklungen und die zunehmenden Angriffe auf queere Menschen. Gleichzeitig weiß ich, dass ich in meinem Alltag etwas beitragen kann.
Durch meine Sichtbarkeit als Trans Frau erlebe ich oft viel Wertschätzung. Menschen sprechen mich an, bedanken sich oder sagen, dass sie meinen Mut bewundern. Das gibt mir Kraft. Außerdem glaube ich fest daran, dass wir viele sind. Die meisten Menschen möchten respektvoll miteinander leben und anderen nicht schaden. Optimismus ist für mich deshalb keine Naivität, sondern eine Entscheidung. Ich glaube, dass sich Dinge langfristig zum Guten entwickeln können. Diese Hoffnung gibt mir die Kraft, weiterzumachen – auch für diejenigen, die gerade selbst keine Kraft haben.
Du engagierst dich bei VIVA. Was macht ihr dort?
VIVA ist eine Münchner Selbsthilfe- und Unterstützungsstruktur für Menschen, deren Geschlechtsidentität nicht oder nicht eindeutig cis ist, sowie für intergeschlechtliche Menschen.
Gleichzeitig begleiten wir auch Angehörige, Familien und andere Bezugspersonen.
Unser Ziel ist es, Menschen zu stärken und sie dabei zu unterstützen, ihren eigenen Weg zu finden. Wir möchten Verständnis fördern und Familien helfen, miteinander im Gespräch zu bleiben.
Für Menschen, die überlegen, ob sie Trans, intergeschlechtlich, nichtbinär oder genderqueer sind, kann VIVA ein wichtiger Anlaufpunkt sein.
Jeden Freitag findet eine offene Selbsthilfegruppe statt. Die Teilnahme ist unkompliziert möglich. Zusätzlich gibt es eine englischsprachige Gruppe, die sich alle zwei Wochen trifft und von vielen internationalen und migrierten Menschen besucht wird. Wir freuen uns immer über neue Teilnehmende.
Zum Schluss
Carolyn spricht offen über ihren Weg – einen Weg, der von Angst und Verunsicherung geprägt war, aber auch von Mut, Selbstannahme und Hoffnung.
Ihre Geschichte zeigt, wie wichtig Verständnis, Aufklärung und sichere Räume sind. Und sie erinnert daran, dass hinter jeder Geschlechtsidentität ein Mensch steht, der vor allem eines möchte: gesehen, respektiert und angenommen werden.
Vielen Dank für das Gespräch, liebe Carolyn!
Probiere einfach mal einen der queeren Treffpunkte Münchens aus:
Lesbisch-queeres Zentrum mit konsumarmer Theke (Getränke können gekauft werden) und Treffpunkt
Wenn du unter Diskriminierung leidest oder Hate Speech melden möchtest, findest du Unterstützung bei strong! Du kannst das Beratungstelefon Tel: 0800 00 112 03 nutzen (Di-Do 10-12.oo Uhr) oder über das Kontaktformular anonym schreiben.
Wenn du Gedanken hast, die dir sehr schaden könnten, dann ruf besser einmal zu viel den Krisendienst Bayern an. Tel: 0800 655 3000. Hier bekommst du ambulante oder stationäre Krisenintervention vermittelt, mittels Dolmetscher*innen in über 120 Sprachen inkl. DGS. Die Fachkräfte versuchen erstmal die Situation am Telefon zu klären.
Wir haben bei Traumapäd sowohl mit Erwachsenen, als auch Kindern/ Familien Erfahrung, die nichtbinär/ nonbinary, Trans, genderqueer und genderfluid sind. Mit intergeschlechtlichen Klient*innen und Patient*innen haben wir bisher noch keine Erfahrungen sammeln können.
Wir bieten eine queerfreundliche und von der Kasse bezahlte Gruppentherapie an (keine Angst, die Gruppe wird von den meisten als sehr stärkend empfunden.)
Außerdem Einzeltermine und Psychotherapie, die zum Teil selbstbezahlt, zum Teil über Kasse abrechenbar sind.
In einem anderen Blogartikel zum Thema „Queere Kinder liebevoll begleiten“ haben wir einige Daten und Quellen angehängt, die belastbare Studien zum Thema enthalten. Außerdem verlinken wir dort Leitlinien, die Schulen, Kitas und auch Eltern Anhaltspunkte für einen praktischen Umgang im (Schul-) Alltag geben können. In einem Glossar Schaubild werden gängige Begriffe außerdem erklärt, oder es kann einfach hier um Erklärung gebeten werden (niemand kann alles immer wissen, also keine Scheu).
Die Inhalte/ Themen der Quellen haben eine CN content note, also Triggerwarnung in bezug auf belastende Inhalte. Deswegen führen wir sie hier nicht erneut auf. Sie sind leicht über den anderen Blogartikel Link zu finden (runterscrollen).
Über die Autor*in
Christine Trompka hat über 15 Jahre Erfahrung als Pädagogin mit Kindern und Erwachsenen. Ihr Schwerpunkt war dabei immer das Draußensein, Abenteuer- und Waldpädagogik, tiergestützte Pädagogik sowie traumasensibles Arbeiten.
Christine ist Traumazentrierte Fachberatung DeGPT, Traumapädagogin DeGPT, Heilpraktikerin Psychotherapie und dialogisch-humanistische Traumatherapeutin sowie pädagogische Fachkraft. Sie arbeitet gerne eng und interdisziplinär mit anderen Fachbereichen, Psychiater*innen, Kinderärzt*innen, Psycholog*innen und Pädagog*innen zusammen. Sie bietet verschiedene Gruppen und Einzelangebote für Kinder und Erwachsene an. Sie ist per Email und mobil erreichbar und freut sich über Ihre Anregungen, konstruktive Kritik und Fragen.

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