++ CN: Trauma, Infragestellen von erlebter Traumatisierung, Diagnostizierung. Der folgende Text kann sich sehr belastend anfühlen ++
Es kann helfen, ihn mit Ruhe, schrittweise oder einer lieben Begleitung zu lesen.
Viele Menschen stellen sich irgendwann diese Frage – oft leise, manchmal sehr dringlich. Uns begegnet sie häufig: bei Eltern, bei jungen Menschen, bei Erwachsenen, die spüren, dass vergangene Erfahrungen bis heute nachwirken.
Dieser Artikel möchte Orientierung geben. Er fasst die aktuellen diagnostischen Kriterien der ICD-11 verständlich zusammen und stellt ihnen die ICD-10-Kriterien (das sind die Vorgänger- Kriterien, die aber in Deutschland aktuell noch angewendet werden) kurz gegenüber. Er ersetzt keine Diagnose, kann aber helfen, das eigene Erleben besser einzuordnen.
Was bedeutet „Trauma“ aus diagnostischer Sicht?
In der Traumatherapie wird zwischen dem traumatischen Ereignis und den Folgen für die Psyche unterschieden. Nicht jedes belastende Erlebnis führt automatisch zu einer Traumafolgestörung – und umgekehrt können schwere Traumafolgen bestehen, auch wenn sich Betroffene nicht an ein konkretes Ereignis erinnern oder dieses „objektiv“ nicht als extrem bewerten würden.
Diagnostische Systeme wie das ICD versuchen, Ordnung in diese Vielfalt zu bringen. Sie sind wichtig für Fachkräfte, haben aber Grenzen – vor allem, wenn es um frühe, chronische oder „stille“ Traumatisierungen geht.
Die aktuellen Kriterien nach ICD-11 (WHO)
Das ICD-11 ist die neueste Version der internationalen Klassifikation der WHO. Es wird schrittweise eingeführt und bringt im Bereich Trauma einige wichtige Neuerungen.
Das ICD-11 wurde im Bereich Trauma „neu sortiert“. Trauma wird weiterhin als Belastungsreaktion gesehen und die neue Kategorie heißt jetzt
„Störungen speziell assoziiert mit Stress“
Im ICD-11 gibt es erstmals eine eigene Oberkategorie für Störungen, die ursächlich auf belastende oder traumatische Erfahrungen zurückgehen. Dazu gehören unter anderem:
- Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) – 6B40
- Komplexe Posttraumatische Belastungsstörung (K-PTBS) – 6B41
- Verlängerte Trauerreaktion – 6B42
- Anpassungsstörung – 6B43
Wichtig:
Bei allen diesen Diagnosen müssen die Symptome zu deutlichen Beeinträchtigungen im Alltag führen, z. B. in Beziehungen, Familie, Schule, Ausbildung, Beruf oder im sozialen Leben. Ohne Leidensdruck, keine Diagnose.
PTBS nach ICD-11 – kurz erklärt
Eine PTBS liegt vor, wenn jemand einem extrem bedrohlichen oder entsetzlichen Ereignis (oder mehreren solchen Ereignissen) ausgesetzt war, z. B. Gewalt, schwere Unfälle oder lebensbedrohliche Situationen. Außerdem müssen folgende Symptome vorhanden sein:
- Wiedererleben des Traumas (z. B. Flashbacks, Albträume, aufdrängende Erinnerungen)
- Vermeidung von Situationen, Gedanken oder Gefühlen, die an das Erlebte erinnern
- Anhaltende innere Alarmbereitschaft, z. B. Schlafstörungen, Reizbarkeit, erhöhte Schreckhaftigkeit
Diese Kernkriterien haben sich im Vergleich zur ICD-10 nicht grundlegend verändert.
Komplexe PTBS – eine wichtige Erweiterung
Eine der größten Neuerungen im ICD-11 ist die offizielle Anerkennung der komplexen PTBS.
Sie entsteht meist durch langandauernde oder wiederholte traumatische Erfahrungen, insbesondere dann, wenn Betroffene ihnen nicht entkommen konnten, z. B.:
- wiederholte Gewalt in engen Beziehungen
- sexueller oder körperlicher Missbrauch in der Kindheit
- schwere Vernachlässigung
- Folter, Ausbeutung, Gefangenschaft
Zusätzlich zu den PTBS-Kriterien kommen bei der K-PTBS drei weitere zentrale Bereiche hinzu:
- Schwere Probleme in der Emotionsregulation
- Gefühle können überwältigend, kaum spürbar oder sehr wechselhaft sein.
- Ein tief erschüttertes Selbstbild
- Anhaltende Gefühle von Scham, Schuld, Wertlosigkeit oder „mit mir stimmt etwas nicht“.
- Anhaltende Beziehungsschwierigkeiten
- Probleme mit Nähe, Vertrauen oder dem Gefühl, anderen wirklich verbunden zu sein.
Diese Anerkennung ist ein wichtiger Schritt: Die WHO erkennt damit an, dass frühe und wiederholte Traumatisierungen andere und oft tiefgreifendere Folgen haben als einzelne Ereignisse.
Dissoziation im ICD-11
Ebenfalls neu ist die differenzierte Aufnahme dissoziativer Störungen, darunter:
- Dissoziative Amnesien (Gedächtnisverlust an Episoden, Ereignisse, Lebensphasen)
- Depersonalisations-/Derealisationsstörung (Ich-Störungen, Verlust der eigenen Grenzen und der Unterscheidung von Innenleben und Außenleben)
- Dissoziative Identitätsstörung (DIS: Die Persönlichkeit kennt verschiedene Anteile, die nicht oder nur wenig miteinander kommunizieren können und spontan auftreten, ohne Steuerungsmöglichkeit von Innen)
- Partielle DIS (Es gibt nur etwa 2-3 solcher Anteile und die Störung ist weniger stark ausgeprägt)
Eine Dissoziation ist die Abspaltung, das nicht-verbunden-sein mit den eigenen Gefühlen. Wenn wir emotional in extrem schwer ertragbaren Situationen überleben möchten, kann die Psyche Empfindungen wie „ausschalten“. Dadurch wird die oft überlebensnotwendige Kooperation im Freeze möglich. Durch die traumatische und splitterhafte, nicht-integrierte Abspeichern des Ereignisses kann es jedoch auch in Folge zu dem gleichen Phänomen der Abspaltung kommen - obwohl das Ereignis vorbei ist. Dissoziationen sehen manchmal aus wie eine Trance oder wie ein eingefrorener Zustand bei dem die Verbindung zum Gegenüber spürbar unterbrochen ist und die Menschen meistens sehr gehemmt/ ruhig nach Außen wirken.
Eine Dissoziation ist eine häufige Überlebensreaktion auf überwältigende Erfahrungen – besonders bei Traumatisierungen in der Kindheit. Dass diese Störungen im ICD-11 klar benannt werden, ist fachlich und gesellschaftlich bedeutsam.
Die (älteren) Kriterien nach ICD-10 – kurz zusammengefasst
Die ICD-10 ist vielerorts noch formell gültig. Sie definiert die PTBS (F43.1) über vier Kernbereiche:
- Ein extrem belastendes Ereignis mit katastrophalem Ausmaß
- Wiedererleben (Flashbacks, Albträume, aufdrängende Erinnerungen)
- Vermeidung traumaassoziierter Reize
- Zusätzlich entweder
-
- Erinnerungslücken an das Ereignis oder
- anhaltende Übererregung (z. B. Schlafstörungen, Reizbarkeit, Konzentrationsprobleme)
Erst wenn diese Kriterien erfüllt sind, wird die Diagnose gestellt.
Die Grenzen der ICD-10
Viele traumatisierte Menschen passen nicht in dieses Raster. Zum Beispiel:
- Menschen ohne bewusste Erinnerung an das Erlebte
- Personen mit frühen Beziehungstraumata oder Vernachlässigung
- Betroffene, deren Symptome sich eher im Selbstbild oder in Beziehungen zeigen
Diese Formen von Trauma wurden in der ICD-10 kaum berücksichtigt.
Was in der Diagnostik noch immer zu kurz kommt
Auch das ICD-11 bildet nicht das gesamte Spektrum traumatischer Erfahrungen ab. Besonders wenig Beachtung finden weiterhin:
- frühe emotionale Vernachlässigung
- fehlende Co-Regulation durch Bezugspersonen
- Überforderung oder emotionale Abwesenheit von Eltern
- medizinische Eingriffe, Trennungen oder Krankenhausaufenthalte ohne sichere Begleitung
Viele dieser Erfahrungen sind gesellschaftlich lange als „normal“ betrachtet worden – obwohl sie für Säuglinge und Kinder hochbelastend sein können. In der Traumatherapie spielen sie jedoch eine zentrale Rolle.
Traumatisierung entsteht nicht nur durch das, was passiert ist, sondern auch durch das, was gefehlt hat: Schutz, Nähe, Resonanz, Sicherheit.
Ein ermutigender Gedanke zum Schluss
Diagnosen können entlastend sein, weil sie Worte für das eigene Erleben geben. Sie sind aber immer nur Modelle, keine vollständige Beschreibung eines Menschen.
Wenn Sie sich in vielem wiedererkennen, heißt das nicht automatisch, dass Sie „krank“ sind – sondern möglicherweise, dass Ihr Nervensystem sich einmal bestmöglich an schwierige Umstände angepasst hat.
Traumatherapie bedeutet nicht, Schuld zu suchen, sondern Verständnis, Mitgefühl und neue Handlungsspielräume zu entwickeln – für Kinder wie für Erwachsene. Und das Erlebte in die eigene -Biografie einzubetten.
Was sind Ihre Gedanken zu Diagnosemöglichkeiten nach der ICD?
Quellen:
Møller, L., Augsburger, M., Elklit, A., Søgaard, U., & Simonsen, E. (2020). Traumatic experiences, ICD-11 PTSD, ICD-11 complex PTSD, and the overlap with ICD-10 diagnoses. Acta Psychiatrica Scandinavica, 141(5), 421–431. DOI:10.1111/acps.13161. Diese Studie vergleicht ICD-10 und ICD-11 hinsichtlich PTSD und dessen Überlappung mit anderen Diagnosegruppen und zeigt Unterschiede in diagnostischer Zuordnung.
Thoma, M. V. et al. (2025). ICD-11 posttraumatic stress disorder and complex PTSD: prevalence, construct validity and clinical predictors. European Journal of Psychotraumatology (online). Diese Untersuchung beschreibt die ICD-11 Kriterien für PTSD und CPTSD und deren empirische Validierung im internationalen Kontext.
Eilers, R. (2021). Eine Übersicht und Einordnung der neuen ICD-11 Kriterien im Vergleich zu ICD-10 (Methodenpapier). Diese Arbeit bietet eine allgemeine wissenschaftliche Darstellung der ICD-11 Änderungen bei Traumafolgediagnosen und deren diagnostischen Konzepten.
„Posttraumatische Belastungsstörung – Diagnostik nach ICD-10 und ICD-11“ (Enzyklopädische Darstellung mit Kriterienbeschreibung). Nach ICD-10 sind PTBS-Kriterien definiert durch Wiedererleben, Vermeidung und Hypererregung, während ICD-11 die Diagnose auf drei Kernsymptomgruppen reduziert und zusätzlich CPTSD als eigenes Krankheitsbild einführt.
Springer-Medizin-Übersicht (2024). Belastungsbezogene Störungen in der ICD-11: Darstellung der Revisionsvorschläge und diagnostischen Merkmale der PTBS und verwandter Traumafolgestörungen im ICD-11. Diese Quelle liefert eine klinisch-wissenschaftliche Einordnung der ICD-11 Diagnosekriterien und deren Unterschiede zur ICD-10.
Über die Autor*in
Christine Trompka hat über 15 Jahre Erfahrung als Pädagogin mit Kindern und Erwachsenen. Ihr Schwerpunkt war dabei immer das Draußensein, Abenteuer- und Waldpädagogik, tiergestützte Pädagogik sowie traumasensibles Arbeiten.
Christine ist Traumazentrierte Fachberatung DeGPT, Traumapädagogin DeGPT, Heilpraktikerin Psychotherapie und dialogisch-humanistische Traumatherapeutin sowie pädagogische Fachkraft. Sie arbeitet gerne eng und interdisziplinär mit anderen Fachbereichen, Psychiater*innen, Kinderärzt*innen, Psycholog*innen und Pädagog*innen zusammen. Sie bietet verschiedene Gruppen und Einzelangebote für Kinder und Erwachsene an. Sie ist per Email und mobil erreichbar und freut sich über Ihre Anregungen, konstruktive Kritik und Anregungen.
Mehr Informationen finden Sie auf der Seite Über uns. Kontaktmöglichkeiten finden Sie hier.

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