
Wenn heute über Autismus gesprochen wird, fallen fast immer zwei Namen: Leo Kanner und Hans Asperger. Ihre Arbeiten aus den 1940er-Jahren gelten bis heute als Grundlage der Autismusdiagnostik. Doch diese Erzählung ist unvollständig. Denn bereits Jahrzehnte zuvor beschrieb eine Ärztin sehr genau das, was wir heute als neurodivergente Entwicklung verstehen – differenziert, respektvoll und erstaunlich modern.
Ihr Name war Grunya Efimowna Sukhareva (geb. 1891 in Kyiv, gest. 1981 in Moskau)
Eine Kinderpsychiaterin und ihrer Zeit weit voraus.
Grunya Sukhareva wurde 1891 im damaligen Russischen Reich geboren und arbeitete ab den 1920er-Jahren als Kinder- und Jugendpsychiaterin in Moskau. Sie forschte, beobachtete und schrieb über Kinder, die in keine der damaligen Kategorien passten: Kinder mit besonderen Wahrnehmungen, mit intensiven Interessen, mit sozialen Eigenheiten – aber auch mit klaren Stärken.
1925 veröffentlichte sie eine Arbeit mit dem Titel
„Die schizoiden Psychopathien im Kindesalter“.
Der Titel klingt aus heutiger Sicht irritierend. Doch der Inhalt ist bemerkenswert: Sukhareva beschrieb Kinder, die wir heute sehr eindeutig dem Autismus-Spektrum zuordnen würden – und zwar mit einer Genauigkeit und Haltung, die ihrer Zeit um Jahrzehnte voraus war.
Sukhareva beschrieb unter anderem:
- Kinder mit ausgeprägtem Bedürfnis nach Routinen
- große Schwierigkeiten in sozialen Interaktionen
- besondere sprachliche Muster
- intensive Spezialinteressen
- sensorische Überempfindlichkeiten
- motorische Besonderheiten
- eine oft hohe intellektuelle Begabung
Entscheidend ist nicht nur, was sie beschrieb, sondern wie.
Sukhareva sah diese Kinder nicht als „defekt“, sondern als anders organisiert. Sie erkannte, dass ihre Schwierigkeiten stark vom Umfeld abhingen – von Überforderung, von fehlender Passung, von mangelndem Verständnis. Sie schrieb nicht über „gestörte“ Kinder, sondern über Kinder mit einer eigenständigen Persönlichkeitsstruktur.
Besonders bemerkenswert: Sukhareva betonte immer wieder die Stärken dieser Kinder. Sie beschrieb ihre:
- Genauigkeit
- Ehrlichkeit
- tiefe Sachkenntnis in Interessengebieten
- Loyalität
- ausgeprägtes Gerechtigkeitsempfinden
Damit formulierte sie Gedanken, die heute unter dem Begriff Neurodiversität wieder aufgegriffen werden – fast 100 Jahre später. Für sie war klar: Diese Kinder brauchen Verständnis, Anpassung und Schutz, nicht Zwang und Normierung.
Warum also ist Sukhareva so lange vergessen worden?
Dafür gibt es mehrere Gründe:
Sie veröffentlichte zunächst auf Russisch und Deutsch, nicht auf Englisch. Ihre Arbeiten erschienen in einer Zeit politischer Umbrüche.
Als jüdische Frau in der Sowjetunion und später im Schatten des Nationalsozialismus wurde sie international kaum rezipiert. Das Unsichtbarmachen von Wissenschaftlerinnen hat eine lange, patriarchale Tradition.
Die Autismusforschung wurde später leider stark von westlichen, männlichen Stimmen dominiert.
Hans Asperger kannte ihre Arbeiten sehr wahrscheinlich. Leo Kanner ebenfalls. Doch in den Veröffentlichungen beider Männer taucht ihr Name nicht auf. Asperger vertrat später nationalsozialistische Ideen und profitierte vom Dritten Reich. Kanner war wie Sukhareva jüdischer Herkunft.
Sukharevas Arbeit erinnert uns daran, dass die Geschichte der Neurodivergenz nicht erst in den 1940ern beginnt. Und sie erinnert uns auch daran, dass ein respektvoller, kindzentrierter Blick schon immer möglich war – auch wenn er lange übersehen wurde.
Für Eltern neurodivergenter Kinder kann das tröstlich sein: Eure Kinder sind kein „modernes Phänomen“. Sie sind nicht das Ergebnis falscher Erziehung oder neuer Zeiten. Sie waren schon immer da.
Und sie wurden schon vor fast hundert Jahren gesehen – klar, genau und mit Achtung.
In einer Zeit, in der noch immer viel über „Therapieziele“, „Normalisierung“ und „Anpassung“ gesprochen wird, lohnt sich der Blick zurück. Sukhareva fragte nicht: Wie machen wir diese Kinder unauffällig?
Sie fragte: Wie können wir ihnen gerecht werden?
Vielleicht ist es an der Zeit, ihren Namen genauso selbstverständlich zu nennen wie die von Kanner und Asperger. Oder sogar zuerst. Vielleicht ist es auch Zeit unseren Blick auf Neurodivergenz grundlegend zu verändern.
Quellen:
Czech, H. (2018). Hans Asperger, National Socialism, and “race hygiene” in Nazi-era Vienna. Molecular Autism, 9:29. DOI:10.1186/s13229-018-0208-6.
Sheffer, E. (2018). Asperger’s Children: The Origins of Autism in Nazi Vienna. Princeton University Press.
Falk, D. (2020), Non-complicit: Revisiting…, Journal of Autism and Developmental Disorders.
Über die Autor*in
Christine Trompka hat über 15 Jahre Erfahrung als Pädagogin mit Kindern und Erwachsenen. Ihr Schwerpunkt war dabei immer das Draußensein, Abenteuer- und Waldpädagogik, tiergestützte Pädagogik sowie traumasensibles Arbeiten.
Christine ist Traumazentrierte Fachberatung DeGPT, Traumapädagogin DeGPT, Heilpraktikerin Psychotherapie und dialogisch-humanistische Traumatherapeutin sowie pädagogische Fachkraft. Sie arbeitet gerne eng und interdisziplinär mit anderen Fachbereichen, Psychiater*innen, Kinderärzt*innen, Psycholog*innen und Pädagog*innen zusammen. Sie bietet verschiedene Gruppen und Einzelangebote für Kinder und Erwachsene an. Sie ist per Email und mobil erreichbar und freut sich über Ihre Anregungen, konstruktive Kritik und Anregungen.
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Christine Trompka hat über 15 Jahre Erfahrung als Pädagogin mit Kindern und Erwachsenen. Ihr Schwerpunkt war dabei immer das Draußensein, Abenteuer- und Waldpädagogik, tiergestützte Pädagogik sowie traumasensibles Arbeiten.
Christine ist Traumazentrierte Fachberatung DeGPT, Traumapädagogin DeGPT, Heilpraktikerin Psychotherapie und dialogisch-humanistische Traumatherapeutin sowie pädagogische Fachkraft. Sie arbeitet gerne eng und interdisziplinär mit anderen Fachbereichen, Psychiater*innen, Kinderärzt*innen, Psycholog*innen und Pädagog*innen zusammen. Sie bietet verschiedene Gruppen und Einzelangebote für Kinder und Erwachsene an. Sie ist per Email und mobil erreichbar und freut sich über Ihre Anregungen, konstruktive Kritik und Anregungen.

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