*** CN: Trauma, Gewalt, Tod. Der folgende Text kann sich sehr belastend anfühlen ***
Es kann helfen, ihn gar nicht, mit Ruhe, schrittweise oder einer lieben Begleitung zu lesen.
Manche meiner Kinder sind in einer so großen Krise, dass sie ihre eigenen Grenzen nicht mehr gut spüren können. Sie haben erlebt, dass alles, was sie liebten um sie zusammengebrochen ist. Dass Elternteile verstorben sind. Nichts mehr ist, wie vorher.
Verständlicherweise „funktionieren“ diese Kids nicht mehr so, wie vorher oder wie all die andren Kinder. Nicht ist wie vorher! Würden diese Kinder am liebsten schreien. Wie könnt ihr nur so tun, als wäre alles wie immer?
Über die Unterschiede und Symptome von ADHS und Traumatisierung berichten wir in diesem Artikel.
Körpergrenzen verschwinden (zumindest fühlt es sich so an) bei Traumatisierung. Die Welt fühlt sich unwirlich, getrennt von mir drinnen, „anders“ an. Dinge, die nie gingen, sind plötzlich okay. Niemand, der oder die es nicht erlebt hat kann sich auch nur im geringsten vorstellen wie es ist, ein Elternteil an eine schwere Krankheit zu verlieren. Das monatelange Hoffen, Bangen und immer wieder enttäuscht werden.Die Fortschritte, die Sonne am Horizont. Um dann wieder umso tiefer zu fallen. Die Erwachsenen, die „andere Sorgen“ haben. Die Kinder, die einfach nur funktionieren, keine Aufmerksamkeit brauchen, alles so gut mitmachen, so reif sind. Alles verstehen. Bis sie - zusammenbrechen.
Und irgendwann, wenn die Gefahr vorbei ist, oder sie verstanden haben, dass der mensch nicht mehr zurückkommt. Wenn die Umgebung versucht zum Alltag zurückzukehren, dann zeigen sie plötzlich, wie schlecht es ihnen geht. was alles in ihnen verschüttet ist, was nicht raus durfte. Welche Gefühle, welche Veränderungen und Erinnerungsfetzen nicht integriert werden konnten.
Und dann werfen sie mit Stühlen.
oder sie verletzen sich selbst. Oder andere gleich mit. Oder sie können Dinge nicht mehr, die sie immer konnten. Oder sie hören auf zu sprechen, zu fühlen oder kooperativ zu sein. Oder oder.
Diese Kinder können nicht mehr.
Diese Kinder sind oft nicht einfach zu erreichen. regeln - schwierig, weil außerhalb ihrer Fähigkeiten (siehe Blogartikel zu ADHS versus Trauma). Misstrauen ist ständig spürbar, Eskalationspotential und Verzweiflung auch. Aber wie in der Kindertrauer hüpfen sie von einem Gefühlszustand zum nächsten, noch ist nichts verfestigt.
Traumatisierung zerstört erstmal die Identität eines Menschen und das Selbst. Auf welche Art die Innen- und Außengrenzen des Menschen verschwimmen können ist schwer erklärbar, wenn Menschen das noch nie erlebt haben.
Eine traumpädagogische Intervention kann sein, etwas (altersgemäß) „gefährliches“ zu machen. Es darf gruselig sein, es darf sich nach Grenzerfahrung anfühlen.
Die Bilder sind in unserer Gruppe entstanden: "Wir machen das jetzt zusammen. Es ist bescheuert, und wir haben Bock drauf.“ Könnte der Leitsatz sein.
Wir haben einfach mal alles abgefackelt, was nicht bei 3 auf dem Baum war;) natürlich hat sich niemand verletzt und natürlich wurde im Hintergrund für eine dezente Sicherheit gesorgt. Aber für Kids zwischen 4 und 10 Jahren kann sich ein spontanes Kokelabenteuer sehr aufregend anfühlen. Genauso wie übrigens tiergestützte Erfahrungen.
Wir können uns dabei spüren. Müssen plötzlich anders, ernster miteinander umgehen. Unsere Aktivität wird existenzieller und fühlt sich echt an.
Es entstehen Beziehungen.
Kann ich mich an Regeln halten? Na klar. Ich bin ja nicht bescheuert, Feuer ist heiß, das ist völlig klar. das Feuer setzt die Regeln und die sind sehr nachvollziehbar.
Kann ich plötzlich kooperieren? Ja geht ja nicht ohne.
Spüre ich mich endlich? Spüre ich die Hitze auf meiner Haut, spritzendes Wachs, ein Loch in meiner Jacke? Ja ich spüre mich wieder.
Die Kinder sind wie in ihrem Element und engagiert bei der Sache. Alles andere wird unwichtig. Sie fühlen sich empowert, dürfen mit mir verschiedene Experimente durchführen, aber ohne zu viel Erwachsenen blabla. Einfach mal tun.
Wenn sie das Feuer dann mit Schnee löschen ist klar: Wir wollen das so schnell wie möglich wieder machen. wann dürfen wir uns wieder treffen?
Commitement für eine traumapädagogische Zusammenarbeit zu bekommen, ist nicht immer leicht. Aber möglich.
Die Kinder merken, wie ihnen unsere Treffen gut tun, freuen sich darauf und sind dann auch bereit die eher langweiligen Atemübungen immer wieder zu üben. klar schreit das Nervensystem erstmal nicht nach Beruhigung, sondern nach mehr Adrenalin. Aber beides hat seinen Platz. Und eines kann es nicht ohne das andere geben.
"Das ausgeschüttete Wachs nehmen wir mit. damit wir nächstes mal wieder so cool alles abbrennen können."
Es ist schön zu sehen, wenn Kinder wieder erste Anker in ihrer Welt bauen und sich freudig verabreden, um miteinander, als Team Schwierigkeiten gemeinsam zu meistern.
Wissenschaftlicher Hintergrund:
Traumasensible Abenteuertherapie zeigte Reduktion von Traumafolgesymptomen bei Jugendlichen mit Missbrauchs- und Vernachlässigungserfahrungen sowie Verbesserungen in familiärer Funktion.
(Originaltitel: Norton, Tucker e.a., 2017: Family Enrichment Adventure Therapy: A Mixed Methods Study Examining the Impact of Trauma-Informed Adventure Therapy on Children and Families Affected
by Abuse) nachzulesen hier.
Resilienz kann als dynamischer Prozess verstanden werden, bei dem positive Erfahrungen, Coping-Strategien und Umweltfaktoren zu einer Abnahme von PTBS- und Depressionssymptomen beitragen. (Originaltitel: Hepper, Brown, Sharma-Patel 2017: Children's resilience and trauma-specific cognitive behavioral therapy: Comparing resilience as an outcome, a trait, and a process) nachzulesen hier.
Über die Autor*in
Christine Trompka hat über 15 Jahre Erfahrung als Pädagogin mit Kindern und Erwachsenen. Ihr Schwerpunkt war dabei immer das Draußensein, Abenteuer- und Waldpädagogik, tiergestützte Pädagogik sowie traumasensibles Arbeiten.
Christine ist Traumazentrierte Fachberatung DeGPT, Traumapädagogin DeGPT, Heilpraktikerin Psychotherapie und dialogisch-humanistische Traumatherapeutin sowie pädagogische Fachkraft. Sie arbeitet gerne eng und interdisziplinär mit anderen Fachbereichen, Psychiater*innen, Kinderärzt*innen, Psycholog*innen und Pädagog*innen zusammen. Sie bietet verschiedene Gruppen und Einzelangebote für Kinder und Erwachsene an. Sie ist per Email und mobil erreichbar und freut sich über Ihre Anregungen, konstruktive Kritik und Anregungen.
Mehr Informationen finden Sie auf der Seite Über uns. Kontaktmöglichkeiten finden Sie hier.

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