ADHS oder Trauma

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

*** CN: Trauma, Infragestellen von erlebter Traumatisierung, Diagnostizierung, Gewalt. Der folgende Text kann sich sehr belastend anfühlen ***

Es kann helfen, ihn gar nicht, mit Ruhe, schrittweise oder einer lieben Begleitung zu lesen. 

 

 

 

Meistens lernen wir vier bis zehnjährige Kinder im Rahmen der Trauma- oder Heilpädagogik kennen, die

  • schnell gelangweilt sind,

  • eine stark erhöhte oder deutlich verminderte motorische Aktivität zeigen,

  • impulsiv sind und mitunter auch aggressiv gegen sich selbst oder andere reagieren,

  • Schwierigkeiten haben, Regeln einzuhalten, bei gleichzeitig stark ausgeprägtem Autonomiebedürfnis,

  • Risiken und Grenzen weder gut wahrnehmen können noch wollen,

  • ein sehr niedriges Selbstwertgefühl haben und

  • in ihrer Selbstregulation deutlich eingeschränkt sind.

Häufig passt dieses Verhalten gut zum allgemeinen Symptombild des Kindes: Durch überfordernde Erlebnisse oder Traumatisierungen kann es dem Kind schwerfallen, die eigenen Körpergrenzen wahrzunehmen. In Atemübungen zeigen sich oft eine erhöhte, flache Atmung sowie ein dauerhaftes „Immer-auf-der-Flucht-Gefühl“. Die Kinder wirken innerlich verstört und kompensieren dies nicht selten durch übertriebene Coolness, permanentes Funktionieren bis zum Zusammenbruch, Streit sowie Beziehungsprobleme mit Erwachsenen und anderen nahestehenden Personen.

Im Inneren bewegen die Kinder dabei existenzielle Fragen:


Warum ist das schwere Ereignis passiert? 
Was hat das mit mir zu tun? Hätte ich etwas anders machen können oder war ich nicht brav/ angepasst genug?
Trage ich als Kind vielleicht doch eine Mitschuld?
Muss ich mich schämen?
Wie hängt all das zusammen?

 

Solche Fragen sind hochgradig verwirrend und können dazu führen, dass Kinder völlig den Überblick verlieren. Schwerwiegende Ereignisse, die trotz kindlicher „Verhandlungen mit dem Schicksal“, wie liebevoll gemalter Bilder und bester Absichten nicht abwendbar waren, führen zu massivem Kontrollverlust. Es ist nachvollziehbar, dass Kinder in solchen Situationen beschließen, sich auf niemanden mehr verlassen zu können, und große Schwierigkeiten haben, Kontrolle vertrauensvoll in die Hände von helfenden Erwachsenen zu legen.

 

In der Folge verlieren sie manchmal die Fähigkeit, Regeln zu akzeptieren. Sie sind schnell überfordert, da sie sich innerlich für viel zu viel verantwortlich fühlen, und gleichzeitig tief erschöpft, weil sie kaum noch zur Ruhe kommen. Das Notfallprogramm unseres Nervensystems – Kampf oder Flucht – ist in akuten Gefahrensituationen lebenswichtig. Als Dauerzustand ist es jedoch nicht vorgesehen. Es flutet den Körper mit Stresshormonen, die bei chronischer Aktivierung selbst durch starke motorische Unruhe, Zappeligkeit, Konzentrationsprobleme und Impulsivität nicht mehr ausreichend abgebaut werden können.

 

Hyperaktivität, Konzentrationsprobleme, Impulsivität und mangelnde Regelakzeptanz (oft verbunden mit einem stark ausgeprägten Autonomiebedürfnis) führen dann nicht selten zu einer ADHS-Diagnose. Doch wie lassen sich Traumafolgestörungen und Neurodivergenzen wie ADHS voneinander abgrenzen?

 

ADHS gilt als ein eher neurologisches Problem, beziehungsweise Neurodivergenz bezeichnet wertfrei eine „andere“ neurologische Funktion, also ein „anderes“ Gehirnfunktionieren. Neben den Problemen, die oft im Schulalltag auftreten, weil das Bildungssystem gar nicht passend für neurodivergente Menschen strukturiert ist, besitzen neurodivergente Menschen tendenziell häufiger besondere Stärken in anderen Bereichen. Dazu aber in einem anderen Blogartikel mehr.

ADHS beschreibt also vermutlich eine veränderte Balance von Neurotransmittern im Gehirn sowie möglicherweise eine besondere neuronale Verschaltung. Die Ursachen sind – wie so häufig – multifaktoriell. Eine genetische Komponente spielt oft eine Rolle, ebenso familiäre Prägungen und weitere Umweltfaktoren.

 

Eine Traumafolgestörung bedeutet, dass das Nervensystem längerfristig aus dem Alarm-Modus nicht mehr zurückgefunden hat. Es ist völlig normal, dass Organe und Hormone im Gehirn nach einem schweren Ereignis in einen anderen Arbeitsmodus wechseln. Ihre Aufgabe ist es, erstmal zu lernen und Anzeichen zu erkennen, die das gefährliche Ereignis angekündigt haben. Sie wollen in Zukunft ähnliche Situationen und Gefahren vermeiden und sind anfangs dauerhaft im Alarmmodus. Eine Traumafolgestörung liegt vor, wenn der Alarmmodus sich verselbständigt, wenn weitere belastende Symptome hinzukommen und der ganze Körper wie gefangen im belastenden Zustand bleibt. 

 

 

Wann ist es ADHS?

Für ADHS spricht, wenn das Verhalten weniger abhängig von belastenden Lebensereignissen auftritt oder bereits im Kindergarten- oder frühen Grundschulalter und vor dem belastenden Ereignis auffällig war. Besonders Organisation, Zeitmanagement, Aufgabenorientierung und das Beenden von Tätigkeiten bereiten häufig Schwierigkeiten. Viele dieser Kinder sind sehr kreativ, denken „um die Ecke“, entwickeln ungewöhnliche Lösungsansätze und sind selten langweilig – allerdings selbst schnell gelangweilt. Oft haben sie grundsätzlich keine gravierenden Beziehungsprobleme; diese können jedoch entstehen, wenn sie aufgrund ihrer Impulsivität wiederholt Ablehnung erfahren haben.

 

Hilfreich können hier Konzentrationstrainings (z. B. das Marburger Konzentrationstraining), klar vorgegebene und verlässliche Strukturen sowie visualisierte Tages- und Aufgabenpläne sein. Ebenso wichtig sind liebevolle Unterstützung beim Abschließen von Aufgaben oder beim Aufräumen, viel Bewegung und Sport sowie eine wertschätzende Haltung gegenüber den Fähigkeiten des Kindes. Der schulische Alltag ist häufig bereits stark defizitorientiert, und soziale Beziehungen sind für diese Kinder oft herausfordernd genug. Besteht über längere Zeit ein hoher Leidensdruck, können auch medikamentöse Behandlungen in Erwägung gezogen werden (mit einer Fachärztin für Kinder- und Jugendpsychiatrie). Zentrale Bausteine sind zudem Übungen zur Frustrationstoleranz, Emotionsregulation und Entspannung (z. B. autogenes Training bei ADHS). Auch Neurofeedback kann helfen und öfters treten zusätzlich Teilleistungsstörungen wie Lese-Rechtschreib-Schwäche (LRS) oder Dyskalkulie (Schwierigkeiten mit Mengen und Mathematik) auf. Deswegen testen Fachärzt*innen das häufig gleich mit, so dass eine passende Hilfe gesucht werden kann.

 

Wann ist es eine Traumafolge?

Für eine Traumafolge spricht eher, wenn zusätzlich Erinnerungslücken an belastende Ereignisse auftreten oder Kinder Flashbacks erleben. Traumatisierte Kinder sind dabei keineswegs immer traurig oder zurückgezogen. Häufig zeigen sie ebenfalls starke innere Unruhe und wirken hyperaktiv. Sie haben ein einzelnes oder länger andauerndes Ereignis erlebt, das Kinder nicht erleben sollten. Ihr grundlegendes Vertrauen in die Welt und ihre Beziehungsfähigkeit sind tief erschüttert. Der Alltag ist geprägt von erhöhter Wachsamkeit und einer ängstlichen Erwartung des Schlimmsten. Viele wirken ängstlich oder ängstlich-aggressiv.

 

Ein wesentlicher Unterschied zu ADHS liegt darin, dass Desorganisation und Symptomatik deutlich stärker schwanken und weniger durch Grundbedürfnisse wie Hunger, Durst oder Müdigkeit beeinflussbar sind. Werden Kinder mit Triggern konfrontiert (deren Identifikation oft eine besondere Herausforderung darstellt), kann sich die Symptomatik sehr rasch intensivieren oder es kommt zu Dissoziationen. Diese können sich äußern wie plötzliches Wegtreten, scheinbares Einschlafen ohne erkennbaren Grund, rhythmisches Schreien oder Regression in frühere Entwicklungsphasen und sind durch normales Ansprechen in der Regel nicht unterbrechbar.

 

Hier können Traumatherapie und Traumapädagogik wichtige Unterstützung leisten. Häufig zeigen sich Ängste und ein Verlust an Lebensfreude, und es braucht umfangreiche Psychoedukation sowie Begleitung der Familie, um mit emotionalen Ausbrüchen umgehen zu können. Bei Selbstverletzungen oder häufigen Dissoziationen ist ein stationärer Aufenthalt manchmal unumgänglich. Auch hier können Medikamente helfen, akute Phasen von Angst oder massiver Unruhe abzumildern.

 

Kinder mit Traumafolgestörungen profitieren ebenfalls stark von Emotionsregulations- und Körperübungen, um ihr Nervensystem schrittweise wieder zu stabilisieren. Der therapeutische Weg führt dabei häufig über den Körper. Durch altersangemessene Psychoedukation werden Akzeptanz und Motivation gefördert, während gleichzeitig Ressourcen und Schutzfaktoren gestärkt werden. Auch darstellende und imaginative Methoden, die Ängste sichtbar machen und damit einschätz- und kontrollierbarer werden lassen, erweisen sich oft als sehr hilfreich.

 

Die Differenzialdiagnose wird selbstverständlich durch einen Fachärztin für Kinder- und Jugendpsychiatrie oder einen Kinder- und Jugendpsychotherapeutin gestellt. Im pädagogischen und therapeutischen Umgang mit herausforderndem Verhalten zeigen sich jedoch deutliche Gemeinsamkeiten: der Aufbau eines stabilen Selbstbildes, die verlässliche Liebe naher Bezugspersonen, die Förderung von Ressourcen sowie eine angemessene Strukturierung des Alltags durch Erwachsene sind zentrale und wirksame erste Schritte.

 

Quellen:

Mehr Infos und auch Buchempfehlungen zu ADHS finden Sie auf einer Seite der Uniklinik Köln

Mehr Infos zu Trauma finden sie auch unter traumawissen.de oder in diesem Blog


 

Über die Autor*in

 

Christine Trompka hat über 15 Jahre Erfahrung als Pädagogin mit Kindern und Erwachsenen. Ihr Schwerpunkt war dabei immer das Draußensein, Abenteuer- und Waldpädagogik, tiergestützte Pädagogik sowie traumasensibles Arbeiten. 

 

Christine ist Traumazentrierte Fachberatung DeGPT, Traumapädagogin DeGPT, Heilpraktikerin Psychotherapie und dialogisch-humanistische Traumatherapeutin sowie pädagogische Fachkraft. Sie arbeitet gerne eng und interdisziplinär mit anderen Fachbereichen, Psychiater*innen, Kinderärzt*innen, Psycholog*innen und Pädagog*innen zusammen. Sie bietet verschiedene Gruppen und Einzelangebote für Kinder und Erwachsene an. Sie ist per Email und mobil erreichbar und freut sich über Ihre Anregungen, konstruktive Kritik und Anregungen.

 

Mehr Informationen finden Sie auf der Seite Über unsKontaktmöglichkeiten finden Sie hier.

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