Dissoziation verstehen: wenn sich die Seele schützt

 

++ CN: Trauma. Der folgende Text kann sich belastend anfühlen ++

Es kann helfen, ihn mit Ruhe, schrittweise oder einer lieben Begleitung zu lesen. Ganz unten findest du außerdem einen Fahrplan, was du als nächstes tun kannst, wenn du oder dein Kind unter Dissoziationen leidest.

 

Es gibt Momente, in denen ein Mensch scheinbar „nicht mehr da“ ist. Der Blick wird leer, der Körper erstarrt, Worte erreichen ihn nicht mehr. Oder das Gegenteil passiert: plötzliches Schreien, Weinen oder hektisches Umherlaufen – wie ferngesteuert, ohne echten Kontakt zur Umgebung.

 

Das ist Dissoziation. Dissoziation ist keine Schwäche, sondern ein Schutzmechanismus des Nervensystems.Dissoziation bedeutet eine Abspaltung von Gefühlen, Körperempfindungen oder Wahrnehmung. Sie tritt vor allem dann auf, wenn Situationen als überwältigend erlebt werden, etwa im Kontext von Trauma. Aber auch bei einer extremen Reizüberlastung oder bei akutem großem Stress wie einem seelischem Schock.

 

Neben Fight (Kampf), Flight (Flucht), Freeze (Erstarren) und Fawn (Anpassen) gehört Dissoziation meist zum Bereich von Freeze, manchmal auch als Shutdown beschrieben.

Das Nervensystem entscheidet in diesem Moment: Es ist zu viel, ich schalte einen Teil ab, damit du es überstehst.

 

Wie zeigt sich eine Dissoziation?

 

Eine Dissoziation kann unterschiedlich aussehen.

Beim stillen Einfrieren wirkt der Körper erstarrt, der Blick ist leer und die Person reagiert kaum auf Ansprache.

Bei Kindern zeigt sich Dissoziation häufig durch starkes Zusammenrollen oder Rückzug in sehr ursprüngliche Schutzhaltungen.

Es kann aber auch eine aktivere Form auftreten, etwa durch lautes Schreien, Weinen oder unruhiges Umherlaufen. Die Bewegungen wirken dabei oft mechanisch, echter Kontakt ist kaum möglich.

 

Oft gibt es erste Anzeichen, bevor eine Dissoziation vollständig einsetzt.

Gespräche brechen plötzlich ab, die Aufmerksamkeit lässt nach und es entsteht ein Gefühl von Leere oder innerem Wegdriften. Viele beschreiben es als ein „nicht mehr ganz da sein“. das Gegenüber bemerkt bei einer stillen Dissoziation (Freeze) häufig eine plötzliche Müdigkeit, einen Kontaktabbruch und der Augenkontakt kann schwer gehalten werden. 

 

Therapeutisch ist für uns der Moment sehr wichtig. Ein Therapieziel ist das Bewusstsein für genau diesen Moment in unseren Patient*innen zu stärken. Wichtig ist die Frage: Was passiert, bevor ich wegdrifte? Wo in meinem Körper spüre ich das Wegdriften? So kann dann genau dieser Moment noch selbst unterbrochen werden. Solche Fragen erarbeiten wir intensiv und mit Körperarbeit innerhalb der Traumatherapie oder Traumapädagogischen Einzelsitzung.

Dissoziation erfüllt eine zentrale Funktion: Sie schützt vor emotionaler Überforderung. Gerade in der Traumapädagogik wird sie als sinnvolle Überlebensstrategie verstanden.

Gleichzeitig kann sie im Alltag belastend werden, wenn sie häufig auftritt und Verbindung zu sich selbst oder anderen erschwert.

 

Was hilft bei Dissoziation?

 

Kurzfristig geht es darum, wieder ins Hier und Jetzt zurückzufinden. Eine einfache körperbasierte Übung kann dabei helfen.

 

Sobald eine Traumafolgereaktion erwartet wird, zum Beispiel weil die Person vom belastenden Ereignis erzählen möchte, oder auch wenn sich im Alltag spontan eine Dissoziation ankündigt hilft es auf einem Bein zu balacieren. Die Person stellt sich hin und hebt ein Bein leicht an, sodass sie das Gleichgewicht halten muss. Wird ein Balancekissen verwendet, wird die Übung intensiver, weil der Körper stärker ausgleichen muss.

 

Es gibt natürlich weitere Körperübungen und auch andere Strategien, um eine Dissoziation abzuwenden. Balance zu halten fordert das Gehirn unmittelbar. Das Gleichgewichtssystem, die Muskulatur und die Koordination arbeiten gleichzeitig zusammen. Dadurch wird die Aufmerksamkeit in den Körper zurückgeholt.

 

Das Gehirn kann in diesem Moment nicht gleichzeitig stark dissoziieren und komplexe Gleichgewichtsprozesse steuern. Die Übung unterstützt daher dabei, wieder im Hier und Jetzt anzukommen.Eine Dissoziation muss manchmal unterbrochen werden, wenn der Kontakt zur Realität stark verloren geht und die Person nicht mehr handlungsfähig oder erreichbar ist. Dann kann sanftes Grounding helfen, wieder Orientierung zu bekommen. Für viele Betroffene fühlt sich Dissoziation zunächst wie ein Schutz an, oft leer oder gedämpft. Gleichzeitig kann sie im Nachhinein belastend sein, weil Kontrolle, Erinnerung und Verbindung fehlen. Daher erarbeiten wir therapeutisch gemeinsam, ob eher der Wunsch besteht Dissoziationen zu unterbrechen, zu verhindern oder, ob sie als wenig belastend erlebt werden. 

 

Wenn Kinder dissoziieren

 

Wenn ein Kind dissoziiert, wirkt es oft, als wäre es plötzlich ganz weit weg. Der Blick wird leer, es reagiert nicht mehr richtig – und als Eltern kann sich das beängstigend und hilflos anfühlen. Diese Unsicherheit ist verständlich. Gleichzeitig erlebt auch das Kind gerade große innere Not, selbst wenn es nach außen still oder wie „abgeschaltet“ wirkt.

Wichtig ist, ruhig zu bleiben und dem Kind sanft zu helfen, wieder zurückzufinden. Eine leise Stimme, der eigene Name, einfache Sätze wie „Du bist hier, ich bin bei dir“ können Orientierung geben. Manchmal hilft es, das Kind zu ermutigen, sich zu bewegen, etwas Kaltes oder Strukturiertes zu spüren oder gemeinsam den Raum zu benennen.

Es geht nicht darum, das Kind „herauszuholen“, sondern ihm Sicherheit zu geben, bis es von selbst wieder ankommt. Danach braucht es vor allem eines: Verständnis. Und auch Eltern dürfen anerkennen, wie belastend solche Momente sind.

 

Dissoziation in der Traumapädagogik

 

In der Traumapädagogik geht es nicht darum, Dissoziation zu verhindern, sondern sie zu verstehen. Sie ist ein Signal dafür, dass das Nervensystem Schutz braucht.

Der Zugang erfolgt weniger über Gespräche als über körperliche Erfahrung. Methoden aus der Körpertherapie wie Bewegung, Wahrnehmung und Orientierung im Raum spielen dabei eine wichtige Rolle.

 

Quellen: 

Bessel van der Kolk

The Body Keeps the Score: Brain, Mind, and Body in the Healing of Trauma (2014)

Standardwerk zur Wirkung von Trauma auf Gehirn und Körper, inklusive Dissoziation.

Onno van der Hart, Ellert R. S. Nijenhuis, Kathy Steele

The Haunted Self: Structural Dissociation and the Treatment of Chronic Traumatization (2006)

Zentrale Theorie zur strukturellen Dissoziation.

DeGPT – Deutschsprachige Gesellschaft für Psychotraumatologie

Leitlinien und Fachtexte zu Trauma, Dissoziation und Behandlung

(z. B. S3-Leitlinie Posttraumatische Belastungsstörung)


Über die Autor*in

 

Christine Trompka hat über 15 Jahre Erfahrung als Pädagogin mit Kindern und Erwachsenen. Ihr Schwerpunkt war dabei immer das Draußensein, Abenteuer- und Waldpädagogik, tiergestützte Pädagogik sowie traumasensibles Arbeiten. 

 

Christine ist Traumazentrierte Fachberatung DeGPT, Traumapädagogin DeGPT, Heilpraktikerin Psychotherapie und dialogisch-humanistische Traumatherapeutin sowie pädagogische Fachkraft. Sie arbeitet gerne eng und interdisziplinär mit anderen Fachbereichen, Psychiater*innen, Kinderärzt*innen, Psycholog*innen und Pädagog*innen zusammen. Sie bietet verschiedene Gruppen und Einzelangebote für Kinder und Erwachsene an. Sie ist per Email und mobil erreichbar und freut sich über Ihre Anregungen, konstruktive Kritik und Fragen.

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